Über das Schreiben

Meine Charaktere und ich

Die Ideen zu neuen Geschichten kommen meistens ganz unvermittelt. Ich kann sie nicht herbeizaubern, aber auch nicht verdrängen. Doch bei mir ist es immer ein bestimmter Charakter, den ich vor mir sehe, wenn sich ein Plot-Bunny in mir ausbreitet. Zuerst sehe ich ihn nur aus der Ferne, er kommt nur ganz langsam näher, so dass ich ihn genau betrachten kann, und bringt ein paar Szenen mit, um mir auch gleich einen Einblick in sein Verhalten zu geben. Doch was dann? Wie arbeite ich eine Figur aus? Wie tief forsche ich nach? Was muss ich alles wissen? Darüber möchte ich heute mit euch plaudern.

Wie immer gilt: Ich will niemanden sagen, wie er zu arbeiten hat, das ist allein die Methode, die ich für mich nutze und die für mich funktioniert, aber ich würde euch gerne daran teilhaben lassen. Und wenn ihr mögt können die Autoren unter meinen Lesern gern in die Kommentare schreiben, wie ihr das macht. Ihr wisst ja: Ich liebe des Austausch und bin neugierig 🙂

Schritt 1 – Auf der Suche nach dem perfekten Bild

Ich habe einen Charakter im Kopf und öffne Pinterest, um nach einem Foto zu suchen, das passt. Manchmal geht das sehr schnell, manchmal dauert das ewig. Und wenn ich gerade dabei bin, suche ich auch nach den anderen Charakteren und nach Bildern, die die Stimmung der Geschichte einfangen. Was trägt meine Protagonistin, wie sieht es in ihrem Zimmer aus, was passt zu den Charakteren. Ich habe eine Pinnwand, packe dort alles hinein und dann erstelle ich mir mit Photoshop Collagen, die ich Ausdrucke und an meine Pinnwand hänge, um die Bilder immer im Blick zu haben. Besonders für meine Fantasy-Projekte brauche ich einfach etwas, was mich in die richtige Schreibstimmung bringt und Bilder sind da ebenso hilfreich wie Musik.

Schritt 2 – Charakterbögen

Sobald ich meine Pinnwand bei Pinterest habe, erstelle ich Charakterbögen für meine Protagonisten, Antagonisten und wichtigste Nebencharaktere. Dazu noch eine Liste mit allen Charakteren, die in der Story vorkommen (die während des Schreibens noch ergänzt wird) und wie sie zu den Protagonisten stehen. Es wäre sinnlos, wenn ich mich damit abplage, einen Nebencharakter, der nur in ein paar Szenen mitspielt, genauso zu erforschen wie die Protagonisten.

Was kommt alles in die Charakterbögen?

Das ist ganz unterschiedlich und abhängig vom Genre. Für Romance habe ich eine vollkommen andere Vorlage als für meine Romance-Projekte. Aber das, was immer gleich ist, sind folgende Punkte:

  • Name
  • Geburtstag
  • Geburtsort
  • Wohnort
  • Aussehen
  • Charakter
  • Mimik / Gestik
  • Krankheiten / Allergien
  • Eltern / Geschwister
  • Plan
  • Einstellung
  • Stil
  • Stärken
  • Schwächen
  • Ängste
  • Besonderheiten:
  • Vorlieben / Abneigungen
  • Vergangenheit
  • Gegenwart
  • Motivation / Ziel / Träume
  • Prämisse
  • Veränderung durch die Geschichte

Manches davon halte ich in Stichpunkten fest, bei anderen Punkten schreibe ich einen Text, aber immer „unterhalte“ ich mich in Gedanken mit den Charakteren und versuche einen Zugang zu ihnen zu finden. Zu dem schreibe ich manchmal einen ganz normalen Tag aus ihrem Alltag auf, um herauszufinden, was sie so machen und wie sie reagieren. Und dann das genaue Gegenteil: ein Tag, an dem einfach alles schiefgeht. Das ist wichtig für mich, um zu sehen, wie sie auf Krisen reagieren und wem gegenüber sie sich vielleicht nicht so verhalten, wie bei den meisten anderen Menschen. Ich will wissen, was sie machen, um sich zu entspannen, wo sie sich wirklich wohl fühlen und wo nicht. Haben sie Narben und wenn ja woher? Wie beeinflusst das ihr Leben? Haben sie deshalb vielleicht Angst vor etwas? Kann ich sie im Internet finden? Was machen sie, wenn sie nervös sind? Und weshalb machen sie das alles überhaupt?

Manchmal mache ich mir auch Skizzen von ihren Wohnungen, treibe mich auf Google Maps herum, um zu sehen, in welcher Gegen sie wohnen, wo sie Urlaub machen und all das. Wahrscheinlich kenne ich meine Charaktere besser als meine beste Freundin. Aber irgendwie sind sie für mich ja auch etwas wie Freunde. Sie gehören dann irgendwie dazu.

Es gibt noch die Möglichkeit Interviews zu führen oder Listen zu erstellen, aber ich führe gern „Telefonate“. (Wie schizophren sich das alles wohl anhört …?) Ich plaudere also zum Beispiel mit Alison Summer über ihren Tag, wie es in der Uni war, was sie so bei ihrem Fachpraktikum erlebt hat und wie es mit Luc läuft. Sie beschwert sich über ihren Mitbewohner und erzählt mir von einer Begegnung mit ihrer Mutter. So was eben. Da bleibe ich auch immer auf dem Laufenden. Sie sind wie Kinder, über die ich eben alles wissen will / muss.

Schritt 3 – Perspektive und Zeitform

Wer Protagonist ist weiß ich immer von Anfang an, was ich aber herausfinden muss ist, wie die Charaktere die Geschichte erzählen wollen. Ich schreibe sehr gern aus der Ich-Perspektive, weil ich den Charakteren so quasi über die Schulter schauen kann, durch ihre Augen sehen und ihre Gefühle spüren. Aber nicht jeder Charakter, mit dem ich es zu tun habe, will das auch. Manchmal wollen sie mehr Abstand und deshalb entscheide ich mich dann für die personale Perspektive. Auch, wenn zum Beispiel einige Nebencharaktere sich zu Wort melden und ich mehrere Perspektiven habe, wähle ich gern den personalen Erzähler.

Was die Zeitform angeht, schreibe ich vorher immer eine Szene in Präsens und Präteritum um zu sehen, was sich besser anfühlt. Manchmal merke ich erst nach einigen Kapiteln, dass irgendetwas nicht stimmt. Dann muss ich natürlich herausfinden, was ich falsch mache und ändern sollte.

In den vergangenen Monate habe ich mich an zwei verschiedenen Projekten versucht. Einmal die Geschichte von Eva und Riley, deren Thema mich enerom mitgenommen hat. Es viel mir zwar leicht, mich in die Situation der beiden hineinzuversetzen, aber das Ganze zu Papier zu bringen, war die Hölle. Es hat sich falsch angefühlt, ob nun aus der Ich-Perspektive, mit zwei Erzählern, mit der personalen Perspektive und auch die Zeitform habe ich immer wieder geändert. Das hat alles nichts gebracht, weil mich das Thema belastet hat. Ich will die Geschichte immer noch schreiben, unbedingt! Aber vorher muss ich mich mehr mit dem Thema auseinandersetzen, um es wirklich genau so rüberzubringen, wie Eva es fühlt.

Die zweite Geschichte war SL. Ich wollte sie in der personalen Perspektive und im Präteritum schreiben, aber das hat so gar nicht geklappt, bis ich das Konzent erarbeitet habe und Daria schließlich die Zügel überließ. Sie hat bestimmt, wo es lang geht und endlich konnte ich wieder schreiben. Ihr seht also, dass sich eine Geschichte nicht aus jeder Perspektive und auch nicht in jeder Zeitform erzählen lässt. Ich habe letzten Monat ein Buch gelesen, dessen Anfang sich für mich – was die Zeitform betrifft – so falsch angefühlt hat, dass mein Gehirn praktisch jeden Satz ins Präsenz „übersetzt“ hat. Das war ziemlich anstegend und auch nervig. Und dieses Gefühl beim Schreiben zu empfinden … nee das geht einfach nicht.

Schritt 4 – Fahrplan und Freiraum

 Danach könnte es theoretisch schon ans Schreiben gehen. Es gibt ja Autoren, die keinen Plot brauchen, keine Kapitelübersichten und keinen Szenenplan. Ich bin da ganz anders. (Kontrollfreak lässt grüßen) Zum Thema Plot habe ich ja schon einen eigenen Artikel geschrieben: Von der Idee zum fertigen Text – Der Plot. Vielleicht sollte ich auf das Thema noch einmal näher eingehen, weil sich da bei mir auch einiges geändert hat … Jedenfalls kann ich meine Charaktere nicht einfach so loslassen, damit sie ihr Ding durchziehen. Ich brauche einen groben Plot (Sieben-Punkte-Struktur bei Fantasy, 5-Akte bei Romance), einen zeitlichen Ablauf und einen Kapitelplan, an dem ich mich entlang hangle. Erst wenn ich das alles habe, gebe ich den Protagonisten einen Schups und sage: „Viel Spaß!“. Vorher würde das gar nicht funktionieren.

Aber innerhalb dieser Kapitel und des vorgegebenen Inhaltes dürfen sie machen, was sie wollen und diese Chance ergreifen sie dann auch gerne. Und am Ende kommt es dann eh immer anders, als ich es geplant habe, was den Kontrollfanatiker in mir fuchsteufelswild macht. Aber dagegen kann ich dann auch nichts mehr machen. Und wenn das Bauchgefühl stimmt, ist doch auch alles in Ordnung.

Ich wünsche euch noch ein wundervolles Wochenende ❤

4 Kommentare zu „Meine Charaktere und ich

  1. Danke für diesen wunderbaren Artikel 🙂 Ich finde es bemerkenswert, mit wie viel Planung Du ans Schreiben gehst. Mir fehlt dazu die Geduld, daher konzentriere ich mich akutell auf Gedichte und kurze Texte :). Wenn ich mir Deine Blogbeiträge so durchlese, bekomme ich auch wieder Lust, längere Geschichten zu versuchen ❤

    Gefällt mir

    1. Danke für deine lieben Worte!
      Ja, was das Schreiben angeht, plane ich im Voraus immer sehr viel. Ich bin da eben ein kleiner Kontrollfreak. Allerdings macht das ja jeder Autor anders und einige brauchen gar nicht so viel Vorlauf wie ich 😉
      Es geht ja darum, dass jeder eine Methode findet, die zu ihm passt und mit der er sich wohlfühlt!
      Versuch dich an längeren Geschichten! Du glaubst gar nicht, wie viel Spaß das macht. Klar ist es auch anstrengend, aber das blenden wir mal aus 😀

      Liebe Grüße
      Jenny

      Gefällt 1 Person

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