Über das Schreiben

Autorenalltag #4 – Panik, Verzweiflung und andere Krisen

Dieses Jahr scheint eine einzige Aneinanderreihung von Katastrophen zu sein. Krankenhaus, Familienkrisen und einige Sätze wie ›Was willst du noch mit Kindern? Du bist doch schon viel zu alt!‹ haben mir in den letzten Monaten mehr als nur die Stimmung verhagelt. Ganz davon abgesehen, dass ich mich plötzlich wieder wie ein Teenager fühle, der für alles verantwortlich ist, weil keiner irgendetwas auf die Reihe bekommt, aber das soll nicht das Thema sein. Nein, vielmehr geht es hier um die Frage: Was verdammt noch mal ist los mit mir?

Ich habe 68 Projekte auf meiner Liste, die irgendwann mal geschrieben werden wollen. In meinem Kopf tanzen dutzende Protagonisten durcheinander und schreien alle gleichzeitig ›Hier, ich zuerst!‹. Wir haben beinahe Ende August und theoretisch sollte ich längst tausend Dinge erledigt haben, die nichts mit meiner Familie zu tun haben, stattdessen liege ich jeden Abend im Bett und denke nur ›Scheiße, du hast schon wieder vergessen, dich um xy zu kümmern, dabei hast du y doch versprochen es heute noch zu erledigen!‹

Versteht mich nicht falsch, ich will nicht jammern oder egoistisch sein, auch wenn ich es offenbar ständig bin, aber ich habe manchmal das Gefühl mein Leben wieder für andere zu leben und es allen recht zu machen. Gott, ich bin so undankbar. Ich sollte den Menschen, die mich aufgenommen und großgezogen haben mehr Respekt zollen und mich um sie kümmern, das haben sie bei mir ja schließlich auch getan. Leider habe ich auch eigene Sorgen und weiß nicht, so mir manchmal der Kopf steht. Die Tatsache, dass ich nichts mehr auf die Reihe bekomme, ist da auch nicht gerade hilfreich. Möglicherweise bin ich ganz kurz davor vollkommen abzudrehen, weil ich ständig dieses Ziehen in der Magengegend spüre. Ein deutliches Zeichen dafür, dass ich eine absolute Versagerin bin. Das kenne ich schon von schlechten Noten aus der Schule oder von dem Tag, an dem ich geheiratet habe und mir vorgeworfen wurde, ich sei egoistisch. Sobald ich ein Buch lese oder eine Folge schaue oder mich ins Bett lege, sind da Gedanken wie ›Du solltest jetzt schreiben. Unbedingt. Tu dies noch und dann das‹ und der Grund dafür ist: Ich habe dieses Jahr noch kein Projekt beendet, weil einfach alles scheiße ist.

So fühlt es sich zumindest an. Da helfen weder Tränen noch irgendetwas anderes, kein Zwang, keine Auszeit, einfach gar nichts. Und das macht mich wahnsinnig. Im Moment ist es ein Teufelskreis ohne Notausgang, der mich nachts wachhält. Auf meiner Schulter sitzt ein kleiner Teufel, der ständig flüstert: ›Lass es, du schaffst es doch nie. Gib einfach auf!‹ und es ist so verlockend nachzugeben, aber was dann? Also weiter. Immer weiter. Bis das nächste Projekt an genau diesem Punkt endet: Alles ist scheiße. Oder vielleicht bin ich scheiße?

Und dann sitze ich wieder da, mit 19 Seiten Plot, Charakterbögen und Kapitelübersicht, werfe alles um und habe Hoffnung, die – wie könnte es auch anders sein – sich in Luft auflöst, sobald ich kurz davor stehe, ein Manuskript zu beenden. Wie soll ich mich da Autorin nennen? Kann ich nicht, ganz genau. Wie es weitergeht, könnt ihr euch sicher denken: Verzweiflung, Panik und wieder von vorne.

Deshalb meide ich auch Facebook. Was sollte ich schon erzählen, dass ich ständig scheitere? Es heißt doch, es soll nicht ständig gejammert werden, also bleibe ich still, während meine Pläne untergehen. Vielleicht führe ich in meinem Kopf Gespräche mit meinen Charakteren und schreibe jenen Plot auf und plane dieses Projekt, aber das ist weder interessant noch führt es irgendwohin. Noch dazu bin ich mit meiner ›Ich knüpfe Kontakte‹-Aufgabe nicht wesentlich vorangekommen, weil es mir einfach unglaublich schwerfällt Kommentare zu hinterlassen oder jemanden anzuschreiben.

Was habe ich mir nur bloß bei all dem gedacht? Wahrscheinlich gar nichts. Es macht mir Spaß zu schreiben, es gehört zu mir, seit ich denken kann. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich darin besonders gut bin. Ich weiß nur, es füllt mich aus und ich brauche es. Nur ist das manchmal eben nicht genug.

Also, was will ich erreichen? Andere Menschen in meine erschaffenen Welten zu entführen, sie mit meinen Geschichten zu faszinieren und ihnen das geben, was Bücher mir geben: Ein kleines Stück Glück. Einige Stunden Frieden. Und genau dafür lohnt es sich doch zu kämpfen, nicht wahr? Weil auch wieder bessere Zeiten kommen und alles gut wird.

So einfach ist es aber nicht. Ich kann nicht darauf warten, dass sich mein Leben von selbst ordnet oder mir die Wörter zufliegen, denn das wird nicht passieren. Ich muss mich selbst darum kümmern, dass es weitergeht. Genauso kann ich mich aber auch nicht ständig selbst anzweifeln und runtermachen, wenn andere das schon für mich übernehmen. Irgendjemand – außer meinem Mann – sollte schon an mich glauben, also muss ich das selbst tun. Damit er etwas Unterstützung bekommt und nicht irgendwann durchdreht, weil ich ihm den letzten Nerv raube.

Ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Ja, vielleicht bin ich zu alt für Kinder. Ja, vielleicht werden wir ewig in unserer winzigen Wohnung sitzen. Und ja, vielleicht bin ich eine furchtbar schlechte Autorin. Vielleicht haben die Leute, die so über mich reden – ob nun hinter meinem Rücken oder ganz offen – recht. Aber für diese Leute bin ich nun einmal wertlos und das wird sich nie ändern, deshalb sollte mich das gar nicht mehr überraschen. Allerdings tut es manchmal weh, und zwar sehr. Das wissen diese Menschen auch, ihnen ist es jedoch egal. Mir nicht. Ich weiß, sie wollen mir wehtun und sie werden sich wahrscheinlich grinsend die Hände reiben, während ich weinend zu Hause sitze.

Für mich heißt es jedoch: Alles auf Anfang! Ich will die letzten Monate einfach nur vergessen. Den Schmerz, die Demütigungen und die Selbstzweifel zurück auf Null setzen und mein eigenes Leben zurück. Ja, meins. Das Leben, in dem ich selbst bestimmte, wann ich Kinder bekomme oder zum Friseur gehe. Ich will mich nicht mehr schuldig fühlen, weil ich mich um meine Projekte kümmere und zwei Mal im Jahr zu den Buchmessen unerreichbar bin. Wenn man mir das Gefühl gibt, nicht genug zu sein, wie soll ich da mit dem zufrieden sein können, was ich zu Papier bringe? Funktioniert irgendwie nicht. Und ja, ich bin mal egoistisch, aber niemand hat das Recht mir mein Leben schlecht zu reden oder mich klein zu machen, wenn ich glücklich bin.

Ich weiß, das habe ich in diesem Blog schon öfter erwähnt, aber manchmal muss ich mich selbst daran erinnern. Niemand muss mich so lieben, wie ich bin, doch ein wenig Akzeptanz wäre schon nett. Ein normales Gespräch ohne einen verbalen Tiefschlag auch, aber ich will nicht zu viel erwarten. Fangen wir klein an und starten dieses Jahr neu. Zumindest was die Projekte angeht, alles andere kann ich ja nicht beeinflussen.

Also … lösche ich die Festplatte – keine Angst, nur im übertragenem Sinn – erstelle neue Ordner, lege mir ein frisches Notizbuch zurecht und entscheide mich für ein Projekt. Und dann setze ich mich ran. Verbeiße mich darin und gebe erst auf, wenn ich das Wort Ende unter das Manuskript gesetzt habe. Ach ja, und ich lasse andere Leute entscheiden, ob das Projekt nun für die Tonne ist oder nicht, sonst komme ich nie aus diesem Teufelskreis heraus.

Was ich euch damit sagen will?

Manchmal ist es schwer. Das kann sogar mal ein Jahr lang so sein, besonders wenn viele Krisen zusammenfallen. Aber das ist gar nicht schlimm, solange ihr euch nicht unterkriegen lasst. Manchmal werdet ihr das Schreiben vielleicht hassen und würdet gerne hinschmeißen, doch irgendwann wird euch klar, dass es sich lohnt zu kämpfen, weil es ein Teil von euch ist. Alle, die also von den Selbstzweifeln erschlagen werden: Haltet durch!

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