Über das Schreiben

Autorenalltag #1 – Die Welt zwischen den Worten

Mein letzter Beitrag hat mich nachdenklich gestimmt, aber es waren vor allem die Kommentare dazu, die mich nicht mehr losgelassen haben. Mit so viel Zuspruch und Freundlichkeit, mit Verständnis, hätte ich niemals gerechnet, weil ich solche Reaktionen bisher nicht kannte. Immer wieder las ich von Mut und Stärke, dich ich besitzen soll und genau diese beiden Worte waren es, die mich nicht mehr losgelassen haben.

Ständig habe ich mich gefragt, was Mut und Stärke überhaupt sind, was einen Menschen ausmacht, der diese Eigenschaften besitzt. Und wie so oft war es eine Schreibsitzung, die mir eine Erkenntnis entgegenschleuderte, mit der ich nicht gerechnet habe, etwas, das meine Welt wieder umwälzt und komplett auf den Kopf stellt, wie es auch bei Between gewesen ist. Durch Ally und Luc habe ich gelernt, dass ich mich von anderen nicht unterkriegen lassen sollte, dass Liebe und Freundschaft etwas ist, dass uns formt, uns Stärke verleiht und die Kraft an Träume zu glauben.

Doch bei meinem aktuellen Buch (an dem ich schon seit Januar sitze und bei dem ich bisher immer das Gefühl hatte, dass irgendetwas nicht stimmt), geht es um eine junge Frau, die in ihrer Angst gefangen ist. Ich will nicht zu viel verraten, aber es geht um ein schwieriges Thema. Um Gewalt, Einsamkeit, das Gefühl keinen Ausweg mehr zu haben. Nicht mehr kämpfen zu können, weil man ja doch nicht mehr gewinnen kann.

Und als ich heute an dieser Geschichte schrieb, kam mir eine Analogie in den Sinn:

Mein Blick fällt auf die Blumen und mir schießt ein eigenartiger Gedanke durch den Kopf. Die Natur erholt sich immer wieder. Von der Zerstörung durch uns Menschen, von nuklearen Katastrophen, von verheerenden Bränden. Sie hat bisher alles überstanden, hat sich ihren Platz erkämpft und das Leben auf diesem Planeten in noch vielfältigere Bahnen gelenkt. Und wir Menschen sind ebenso anpassungsfähig. Wir haben beinahe jeden Ort auf der Erde besiedelt, passen uns den Bedingungen um uns herum an, sind stärker geworden.

Es heißt, der menschliche Körper sei ein Wunder, doch sein Geist ist noch viel beeindruckender, den er ist es, der uns kämpfen lässt, wenn wir eigentlich nicht mehr dazu in der Lage sind. Wenn wir am Boden liegen und glauben, nichts würde mehr gehen.

Ich bin wie ein Wald, der lichterloh brennt. Aber irgendwann wird das erste Gras wieder sprießen, neue Bäume werden sich erheben und dem Himmel entgegen strecken. Wenn ich nur genug Kraft besitze, um diesen Brand zu überstehen und die Zeit, die ich brauche, um mich von den Flammen zu erholen. So oft habe ich mir schon geschworen, mir mein Leben zurückzuholen, doch bisher fehlte mir der Mut, die Stärke es auch wirklich zu tun. Bis mir klar wurde, dass ich nicht länger allein bin. Die Einsamkeit hält mich nicht mehr in ihren Klauen gefangen. Es gibt Menschen, die an meiner Seite sind, die für mich kämpfen, egal was auch immer geschieht. Sie sind es, die mir aufhelfen, wenn ich am Boden liege.

Zeit kann nicht alle Wunden heilen, zu dieser Meinung stehe ich immer noch, doch wir haben die Kraft, uns an die Umstände anzupassen, sie zu akzeptieren und zu einem Teil von uns selbst zu machen. Meine Behinderung hat es nicht geschafft, mich in die Knie zu zwingen. Ebenso wenig wie das Mobbing oder die Schicksalsschläge, die hinter mir liegen. Und mir ist bewusst, dass noch viel schwerere Zeiten auf mich zukommen, aber es wird immer Menschen geben, die mir zeigen, dass es sich lohnt zu leben.

Während ich mein Abitur nachgeholt habe, habe ich jemanden kennengelernt, der mich mit seinem Mut und seiner Stärke beeindruckt hat. Nach der Diagnose Krebs hat diese Person nicht etwa die Hände in den Schoß gelegt und gejammert oder sich aufgegeben. Sie hat gekämpft, den Schock überwunden und so schließlich auch diese grauenhafte Krankheit besiegt. Und dieser Mensch hatte nach dieser schweren Zeit noch die Kraft, für andere zu kämpfen. Auch für mich. Damals habe ich gelernt, dass es Menschen gibt, die so beeindruckend, so bewundernswert sind, dass man es kaum in Worte fassen kann.

Doch erst jetzt beginne ich zu begreifen, was Stärke und Mut wirklich sind.

Sie bedeuteen, zu sich selbst zu stehen, zu den Dingen zu stehen, die einem widerfahren sind und offen damit umzugehen. Sie bedeuteen, anderen zu helfen. Ihnen die Hand auszustrecken und zu sagen: Ja, manchmal ist das Leben beschissen, aber irgendwann wird es auch andere Zeiten geben. Mut bedeutet, tolerant zu sein, wenn die ganze Welt nur noch aus Hass zu bestehen scheint. Stärke heißt, sich für andere einzusetzen, zu seiner Meinung zu stehen und auch nicht von ihr abzuweichen, sollte es schwierig werden. Es heißt aber auch, dass man Hilfe annehmen darf, wenn man sie braucht, genauso, wie dass man anderen etwas zurückgibt. Dabei rede ich nicht von materiellen Dingen. Nach meinem letzten Beitrag hatte ich so viele Zweifel, aber die vielen lieben, aufmunternden Kommentare haben wir etwas gegeben, dass ich durch kein Geschenk der Welt bekommen konnte: Die Kraft wieder an mich zu glauben. Und vor allem an das Gute im Menschen zu glauben.

Ich bin manchmal seltsam (und das nicht zu knapp ;D), zurückhaltend und vielleicht auch abweisend. Ich war zu stolz, um mir helfen zu lassen. Ob nun das Vorlesen der Speisekarte oder irgendwelche andere Kleinigkeiten im Alltag. Ich wollte es allein schaffen. Allen anderen, aber vor allem auch mir selbst beweisen, dass ich zurechtkomme wie jeder andere Mensch auch. Die Wahrheit sieht natürlich anders aus.

Gleichzeitig war ich aber auch jemand, der immer gern geholfen und zugehört hat. Welch Ironie!

Als ich im BBW für Blinde und Sehbehinderte war, habe ich mich gegen das Mobilitätstraining gewehrt. Ich wollte keinen Stock, keine Blindenschrift lernen, gar nichts. Weil ich einfach das Gefühl hatte, mein altes Leben und mich selbst aufzugeben. Der Gedanke war so grauenvoll, dass ich jeden abwies, der auch nur den Versuch wagte, mir zu helfen.

Acht Jahre später, sitze ich beim Spieleabend, lasse mir die Karten sagen, die auf dem Tisch liegen, die Anzahl der Augen, die ich gewürfelt habe. Wenn ich mit meinem Mann in einem Laden bin, suche ich nicht selbst nach den Dingen, die ich brauche, sondern sage ihm einfach, was ich will. Natürlich schäme ich mich immer noch und mache das alles im Flüsterton. Aber wieso eigentlich? Wenn ich einen Rollstuhlfahrer sehe, schaffe ich es doch auch, zu ihm hinzugehen und meine Hilfe anzubieten. Es ist einfach nur dämlich, mich zur eine Sache kleinzumachen, an der ich nichts ändern kann. Da draußen mag es Menschen geben, die sich über meine Behinderung lustig machen – und ja verdammt, das tut wahnsinnig weh. Ich bin ein kleines Sensibelchen und gebe offen zu, dass ich manchmal in Tränen ausbreche, wenn ich höre, wie fremde Leute mich beleidigen. ABER – und das ist ja wohl der Punkt, um den es geht – warum sollte ich mich verstellen, nur um ihnen kein Unbehagen zu bereiten?

Viele Menschen können nicht mit dem umgehen, was anders ist. Weil es befremdlich ist, macht es ihnen Angst und sie wollen nichts damit zu tun haben. Ob es nun um Religion, Hautfarbe, Sexualität oder Behinderung geht ist scheißegal. Für mich macht es keinen Unterschied weshalb jemand ausgegrenzt wird. Gequält wird. Tatsache ist nur, dass es so ist. Und dass, obwohl niemand das Recht hat, sich über einen anderen Menschen zu stellen.

Manchmal -oder eigentlich fast immer – habe ich das Gefühl, dass es gar nicht so erstrebenswert ist, normal zu sein. Der Gesellschaft zu entsprechen. Dem, was gefordert wird. Diese „Du musst / Du solltest …“-Einstellung ist einfach nur falsch.

„Du musst dir einen Job suchen, der möglichst viel Geld einbringt.“

„Du wirst immer dicker, du solltest abnehmen.“

„Du musst dich anpassen, sein wie alle anderen, sonst denkt jeder, du bist komisch.“

  1. Ich BIN komisch.
  2. Ich MUSS überhaupt nichts.
  3. Ich PASSE mich an, aber nicht an das, was irgendwer von mir will, sondern an das Leben, das gut für mich ist.

An alle da draußen, die sich wegen irgendetwas schlecht fühlen, die glauben, sie würden nicht dazu gehören, weil sie nicht in das Bild passen, dass unsere Gesellschaft fordert, die auf irgendeine Art anders sind und sich deshalb schämen. An alle, die mit den großen und kleinen Schwierigkeiten des Lebens zu kämpfen haben:

Lasst euch nichts einreden. Von nichts und niemanden. Ihr seid großartig und zwar genauso, wie ihr seid. Ihr solltet euch nicht verstellen oder ändern, nur weil andere das wollen. Fühlt euch wohl, seid stolz und glücklich. ANDERS zu sein, bedeutet besonders zu sein. Auf welche Art auch immer. Niemand hat das Recht euch zu verurteilen, euch kleinzureden oder zu beleidigen. Es ist die Vielfalt, die unsere Welt zu dem macht, was sie ist und die wir brauchen, nicht Gleichförmigkeit.

Also steht zu euch selbst. Seid mutig, seid stark. Ihr müsst es niemanden rechtmachen, außer euch selbst. Es ist euer Leben, also lasst nicht zu, dass jemand versucht darüber zu bestimmen. Lasst nicht zu, dass jemand euch das Gefühl gibt, weniger wert zu sein, nur weil ihr anders seid. Seid stolz auf euch selbst, ihr habt das Recht dazu!

Und damit ziehe ich mich wieder zurück und lasse meine Finger über die Tastatur fliegen, damit mir meine Protagonisten mir weiter zeigen können, wie wichtig es ist für sich selbst zu kämpfen, aber auch andere in ihr Herz zu lassen.

Ich wünsche euch einen wundervollen Tag! Passt bei der Hitze auf euch auf!

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